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Barbara Strohschein
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Klimakommunikation zwischen Abwehr und Anerkennung

Abwehr und Anerkennung in der Klimakrise. Wie über Wahrheiten, Fakten und Meinungen kommuniziert wird

14. Dezember 2022 · 5 Minuten · Kategorie: Sinn, Werte

Klimakommunikation zwischen Abwehr und Anerkennung

Warum geschieht so wenig?

War der Klimawandel bisher nicht immer nur ein Thema der Politik, der Umweltexperten und Klimawissenschaftler? Das ist tatsächlich weitgehend der Fall.

Die Klimaforscher, mit denen ich als Philosophin und Psychologin seit Jahren über das Thema Klimawandel diskutiere, fragen schon lange ziemlich frustriert:  Warum geschieht trotz aller Anstrengungen so wenig in Sachen Klima und Umwelt? Müssen die Aktivisten aus der Letzten Generation sich auf den Strassen festkleben und große Kunstwerke mit Kartoffelbrei bewerfen, damit alle aufwachen?

Woran hapert es, obgleich die Folgen des Klimawandels nicht bestreitbar sind? Warum die Widerstände, die zähen Verhandlungen? Warum werden keine durchgreifende Konsequenzen gezogen? Und wie wären diese so zu kommunizieren, dass sie akzeptiert werden? Das fragen sich nicht nur Klimaaktivisten, sondern auch viele sich verantwortlich fühlende Menschen aus der Bevölkerung.

Warum ist Kommunikation entscheidend?

Kommunikation bedeutet Leben, in Kontakt sein, in Beziehung sein und im Austausch.

Das alles scheint in der Klimafrage nicht so zu funktionieren, dass die Probleme auch langfristig gelöst werden - nicht nur durch die Politik, nicht nur aufgrund der wissenschaftlichen Forschung, trotz umweltorientierter Bemühungen von Unternehmen,  trotz vorhandener Einsichten der Bevölkerung und trotz Fridays for Future.

Da ich in meiner Forschung und Beratung der Meinung bin, dass der Blick in die soziale Wirklichkeit entscheidend für das Erklären und Verstehen von Konflikten ist, habe ich mich der Herausforderung gestellt, die Dynamik der Kommunikation über den Klimawandel zu untersuchen.

 

Der Blick in die Wirklichkeit

Wie denken, reden und handeln Menschen in der Klimakrise? Ein erster Schritt, um diese Frage zu beantworten, war eine qualitative Untersuchung, die ich zusammen mit einem Kommunikationswissenschaftler zu dem Thema: „Argumentationsmuster in der Klimadebatte“ im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt durchgeführt habe. Wir haben Interviewpartnerinnen und -partner in ausführlichen persönlichen Gesprächen nicht nur nach ihrem Faktenwissen, ihre persönlichen Wahrheiten, ihren Meinungen bezogen auf die Klimathematik befragt, sondern auch über ihre Werte, ihre Gefühle, Zukunftsvorstellungen und  -wünsche. Nicht nur die befragten Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer waren skeptisch, ob und wie der Klimawandel bewältigt werden kann, sondern auch junge und ältere Personen aus allen möglichen Berufen.

Wie wird auf den Klimawandel reagiert?

Durch die vertrauensorientierten Interviews kam viel zutage: Ängste, Ohnmachtsgefühle, Schuld und Scham, Wut und Ärger über die Art, wie über das Thema öffentlich diskutiert wird, Skepsis den Medien und der Politik gegenüber, Skepsis, dass die Probleme überhaupt lösbar wären. Nicht nur die erklärten Klimaskeptiker erwiesen sich als skeptisch, sondern aus unterschiedlichen Gründen alle Befragten. Es wurde jedoch -  fast durchweg - die dramatischen Lage anerkannt und nicht geleugnet. Und weit mehr als erwartet, war von Verantwortungsbewusstsein und Werten die Rede, um die es geht und gehen sollte. Viele Interviewte gaben offen zu, letztlich keinen wirklichen Durchblick aufgrund der viel zu vielen widersprüchlichen und emotionsaufgeladenen Informationen zu haben.

Die Klimakommunikation ist offensichtlich konfliktträchtig und mühsam. Sie führt nicht nur in politischen Verhandlungen zu keinen wirklichen Lösungen. Auch in der Bevölkerung ist man sich keineswegs einig, was wirklich Tatsachen sind und wie gehandelt werden sollte, ohne allzu viele Einbußen für alle.

Warum sind die Geistes- und Sozialwissenschaften auch in der Klimafrage relevant?

In meinen psychologischen und philosophischen Arbeiten sehe ich den Sinn darin, mit den zur Verfügung stehenden Methoden aktuelle Probleme ins Visier zu nehmen, zu analysieren und Lösungen aus der Analyse zu entwickeln.

Darum habe ich dieses Buch geschrieben und konnte den Wissenschaftsverlag Springer von meinem Ansatz sogleich überzeugen. Es handelt sich hier um die Analyse eines Grundmusters: Abwehr schafft Probleme, Anerkennung ermöglicht Lösungen. Diese Aussage betrifft nicht nur die Klimakommunikation, sondern bezeichnet eine Grunddynamik.

Die psychische, soziale und politische Abwehr in der Kommunikation über das Klima führt zu Widerständen, die wiederum Konflikte auf verschiedenen Ebenen und Kontexten erzeugen. Ich erkläre deshalb, wie und warum psychische, soziale und politische Abwehr entsteht, und wie man damit konstruktiv umgehen kann. Die wenigen Untersuchungen zum Thema Abwehr aus den USA und Groß-Britannien habe ich ebenfalls zu meinen Erklärungen herangezogen.

Anerkennung ist wiederum ein Thema der Philosophen. Das ist öffentlich kaum bekannt, wenn man von den Diskursen in philosophieinternen Kreisen absieht. Nicht nur Georg Friedrich Wilhelm Hegel hat sich ausführlich mit „Anerkennung“ als einem Bewusstseinsakt befasst, der verbunden ist mit Erkenntnissen, Gefühlen und Dynamiken. Auch die heutigen Philosophen haben umfangreiche Studien zur Anerkennung veröffentlicht. Dank dieser philosophischen Werke wird sofort klar, dass es sich bei Anerkennung  keineswegs nur um Lob und Wertschätzung handelt, sondern um sehr viel mehr: Um Erkenntnis, Wahrnehmung, Akzeptanz, Erinnerung, Vergleichen, um Einflussfaktoren, um bestimmte soziale Bedingungen, unter denen Anerkennung stattfinden kann oder auch nicht. So wie auch kulturelle Faktoren eine Rolle spielen, durch die definiert wird, was wie, von wem, in welcher Kultur anerkannt wird. Anerkennung ist ein sehr komplexer Prozess.

Warum es wichtig ist, Begriffe genau zu definieren

Nun bestand für mich die Herausforderungen, die öffentlichen wie privaten Argumente über den Klimawandel zu definieren und zu orten. Mit der einfachen Frage: Über was reden wir hier eigentlich? Über Wahrheiten? Über Fakten? Oder (nur) über Meinungen? Und welche Werte gelten hier?

Hannah Ahrendt hat in einem heute immer noch hochrelevanten Essay über „Wahrheit und Politik“ diese Begriffsunterscheidung maßgeblich für öffentliche und politische Diskurse gehalten. Wenn Wahrheiten, Fakten und Meinungen nicht unterschieden werden, wissen wir nicht, worüber wir reden und aufgrund welcher Maßstäbe in welchem Kontext entschieden werden soll. Ahrendts Gedanken und Definitionen haben mich dazu angeregt, in der Klimakommunikation zwischen diesen drei Begriffen zu unterscheiden.

Immer wieder wird heute daran gezweifelt, dass es überhaupt Wahrheiten gäbe. Und gleichzeitig wird sofort der Wahrheitsbegriff geltend gemacht, wenn eine Lüge öffentlich wird. Selbstverständlich gibt es - nach Hegels und Ahrendts Definitionen - Wahrheiten auch zum Klimathema. Verbreitet ist, dass man auf Fakten aufbaut bzw. nach Fakten ruft, ohne die Frage zu stellen, wer welche Tatsachen aus welcher Perspektive definiert. Offen und umstritten ist die Frage, welche Rolle Meinungen spielen sollen. Verderben sie die Klimadiskurse oder müssen sie ernst genommen werden? Natürlich trifft beides zu. In meiner Untersuchung erkläre ich beispielhaft, warum es für weitere Lösungen des Klimaproblems wichtig ist, sich dieser politisch relevanten Frage nach den Wahrheiten, Fakten und Meinungen zum Klima zu stellen und auch die Werte in Betracht zu ziehen, die immer in Bewertungen geltend gemacht werden.

So sind nicht nur die Psychologie und die empirischen Methoden aus der Sozialwissenschaft, sondern auch die Philosophie dazu dienlich, Kommunikationsprozesse zu erklären und zu verstehen. 

Warum Menschen und Auswirkungen menschlicher Kommunikation nicht unterschätzt werden sollte

Mit diesem Ansatz will ich auch darauf hinweisen, dass ohne Kommunikation logischerweise gar nicht gehandelt und entschieden werden kann, weder auf internationalen Klimakonferenzen, noch in politischen oder privaten Diskursen, noch in der Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft und der Technologieentwicklung. Zudem ist  Sprechen immer auch eine Form des Handelns, mit der etwas in Bewegung gesetzt wird. Es sind immer Menschen, die sprechen und handeln und damit, ob sie wollen oder nicht, kommunizieren. Insofern ist es eine weitverbreitete sehr begrenzte Sichtweise, davon auszugehen, die Klimafrage liesse sich allein technologisch lösen. Abgesehen davon ist Technologie immer auch kommunikationsbedingt.

Es gibt bisher kaum umfassenden Untersuchungen zur Klimakommunikation, die über quantitativ orientierte Befragungen hinausgehen.

Um dieser Tatsache zu entsprechen, habe ich ausführlich mit Klimaforschern, Physikern, Geowissenschaftlern und mit Kollegen aus der Geistes- und Sozialwissenschaft diskutiert und sah mich ermutigt, meinen eigenen Ansatz zu verfolgen. Mir ist dabei völlig klar, dass Bücher die Welt nicht verändern können. Aber sie können dazu beitragen, sich der Themen und ungelösten Fragen bewusster zu werden, und sich anregen zu lassen, nachzudenken, vorzudenken und konkrete Schlüsse daraus zu ziehen. Ohne Erklären kein Verstehen - und das gelingt in den Klimadiskursen nur sehr bedingt.

Dazu kommt, dass ohne neue Perspektiven auf ein Problem selbiges sich nicht lösen lässt.

Was Sie in diesem Buch erwartet

Einer Einleitung, in der ich meine Motive und mein Konzept vorstelle, folgt Teil I. Hier zeige ich wie Abwehr funktioniert und welche Ursachen und Auswirkungen sie hat. Im Teil II beschreibe ich meinen theoretischen Ansatz und kläre die Begriffe Wahrheiten, Fakten, Meinungen und Werte, als Grundlage für Teil III. Im Teil III wiederum kommen die Philosophen zu Wort, die Anerkennung definieren und wie mittels dieser Begriffsanalysen Wahrheiten, Fakten, Meinungen und Werte wahrgenommen und akzeptiert werden können. Im Teil IV schlage ich Lösungen vor, wie unter diesen Aspekten über die Klimakrise konstruktiv kommuniziert werden kann.

Dieses Buch ist nicht nur für Wissenschaftler/innen, NGOs, Aktivisten und Aktivistinnen geschrieben, sondern für alle die Leserinnen und Leser, die nicht nur an rein technologischen Lösungen des Klimaproblems  interessiert sind, sondern wissen wollen, wie Abwehr und Anerkennung als Grundmuster funktionieren, und warum und wie konstruktiv in der Klimakrise kommuniziert werden kann: Nicht nur mit Abwehr aus vielen verschiedenen Motiven, sondern mit der Anerkennung von Personen, Leistungen, Tatsachen, Möglichkeiten und damit auch durch neue Sichtweisen.